BAUEN+ 2/2019

Lehmbau

Verglaste Giebel und das Wechselspiel von Stampflehm und stehenden Fensterbändern prägen den neuen Alnatura-Stammsitz. (Bildquelle: Marc Doradzillo)

Marc Wilhelm Lennartz


Wiederkehr des Lehmbaus

Holz und Lehm in richtungsweisender Symbiose


Die Erde besteht in weiten Teilen aus dem Urbaustoff Lehm. Die Kombination mit dem nachwachsenden Rohstoff Holz hat in Darmstadt eine zeitgemäße Architektur hervorgebracht, die nicht nur in der Ressourceneffizienz neue Maßstäbe setzt.

Das alte Militärareal inmitten Darmstadts erfüllte schon lange keinen Zweck mehr. Seit 2008 stand das ehemalige Kasernengelände, das von Nationalsozialisten 1936 unter dem Namen ›Leibgarde Kaserne‹ errichtet worden war, leer. Mit Kriegsende übernahmen US-amerikanische Besatzungstruppen das rund 47 Hektar große Areal, von dem etwa 25 Hektar zur bebauten Zone gehören, der Rest Wald, Grünanlagen und Freizeitflächen. Die unter dem Namen ›Kelley Barracks‹ fortgeführte Kaserne wurden dann in drei Bauabschnitten, zuletzt von 1984 bis 1987, erweitert und modernisiert.

Am südwestlichen Rand von Darmstadt gelegen, gelangte die verkehrstechnisch gut erschlossene Fläche im Zuge des urbanen Wachstums mehr und mehr in den Fokus der Stadtplaner, zumal sich in unmittelbarer Nähe der Technologiestandort TZ Rhein Main etabliert hatte. Nach dem Abzug der amerikanischen Streitkräfte erwarb die Bundesanstalt für Immobilien das Gelände und erarbeitete in Abstimmung mit der Stadt einen Rahmenplan, der eine Nutzung der Altflächen als zukünftiges Gewerbegebiet definierte.

Mit der Errichtung des so benannten »Alnatura Campus« hat die Umwidmung des Kasernengeländes nun ihren baulichen Anfang genommen. Der Campus beherbergt, neben dem neuen Verwaltungssitz des Naturkost- Pioniers, ein frei zugängliches vegetarisches Bio-Restaurant nebst Park, Teichen und Sportflächen, sowie einen öffentlichen Waldorfkindergarten mit angegliedertem Ökolandbau, der die Prozesskette der biologischen Nahrungsmittelerzeugung von der Aussaat bis zum fertigen Lebensmittel veranschaulicht.


Anthroposophisches Vorzeigeprojekt naturnahen Bauens

Mehr Konversion als bei einem solchen Bauvorhaben mag man sich kaum vorstellen. Dort, wo einst das organisierte Morden vorbereitet und trainiert worden war, entsteht heute ein anthroposophisches Vorzeigeprojekt naturnahen Bauens und Wirtschaftens mit sozialer Verantwortung für die Gemeinschaft.

Die neue Zentrale des Biokost-Herstellers Alnatura, 94 m lang, 41 m breit und 19 m hoch, hält auf drei Etagen Arbeitsraum für 500 Mitarbeiter bereit, die in diesem Jahr von Bickenbach nach Darmstadt umziehen werden. Der wuchtige, klassisch anmutende Bürokomplex wird von zwei uralten Naturbaustoffen determiniert: die massive Gebäudehülle wird von Stampflehmelementen gebildet, während das Dachtragwerk aus Leimholzbindern besteht. Den Innenraum prägt zudem eine geschwungene Konstruktion aus Stahlbeton, die den offenen Charakter des Verwaltungsgebäudes trägt und ihn zugleich segmentiert.

Der römischen Architektur entlehnt, bildet ein großzügig dimensioniertes Atrium das Zentrum des Gebäudeinneren als Dreh- und Angelpunkt, als Ort von Begegnung und Kommunikation. Die in weiten Teilen offen gehaltenen Büros, die allesamt vom Atrium aus erschlossen werden, gruppieren sich auf drei Ebenen unter dem markanten BSH-Dachtragwerk. Während das römische Atrium sein Licht einzig über eine mittig platzierte, rechteckige Öffnung im Dach bezog, erweitert der neue Alnatura-Stammsitz diesen Bezug durch ein großes, traufseitig durchlaufendes Lichtband im Dachfirst und einen komplett verglasten Giebel an der Süd-West-Seite.


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