Mit dem Fahrrad über Solartechnik flitzen

Teststrecke in Erftstadt – erster Solar-Radweg Deutschlands wird erprobt

© EnergieAgentur.NRW, Meike Nordmeyer

In Erftstadt bei Köln ist Mitte November der erste Solar-Radweg Deutschlands eingeweiht worden. Es handelt sich um eine Teststrecke von 90 Metern Länge im Stadtteil Liblar. 150 besonders bruch- und rutschfeste Solarmodule wurden dafür zusammengesteckt und auf den Asphalt eines bestehenden Radwegs verlegt. Der neuartige von der Solmove GmbH entwickelte Fahrbahnbelag erzeugt Strom, absorbiert Lärm durch seine spezielle Oberflächenstruktur und kann dank einer integrierten Heizung im Winter auch Schnee abtauen.

Erster Solar-Radweg Deutschlands in Erftstadt
© EnergieAgentur.NRW, Meike Nordmeyer


Mit der Eröffnung des Fahrradwegs wurde in Erftstadt die Premiere einer neuen Technologie gefeiert, denn erstmalig in Deutschland wird damit solare Energie auf öffentlichen Wegen erzeugt. Die Einweihung nahm Bundesumweltministerin Svenja Schulze vor. Der innovative Solar-Radweg ist Teil des Projekts »Infrastrukturring Liblar – Wandel der Mobilitätsstruktur« aus dem Bundeswettbewerb »Klimaschutz durch Radverkehr« der Nationalen Klimaschutzinitiative (NKI), das mit rund 784.000 Euro gefördert wird. »Die Stadt möchte mit der Teststrecke auf dem Radweg zeigen, dass jede Kommune sauberen Strom produzieren kann, ohne das Landschaftsbild zu stören«, erklärte Erftstadts Bürgermeister Volker Erner dazu.

Die Solmove GmbH, ein Start-up aus Potsdam, hat die Solarmodule gemeinsam mit der RWTH Aachen und weiteren Forschungspartnern entwickelt. Dazu gehören die Fraunhofer-Institute für Solartechnik ISE und für Silikattechnik ISC, die Universität Bayreuth, das Forschungszentrum Jülich, das Institut für Straßenwesen in Aachen und die Bundesanstalt für Straßenwesen.

Gründer und Geschäftsführer von Solmove ist der 56-jährige Donald Müller-Judex, gelernter Maschinenbauer und Ingenieur, der lange Zeit auch als Journalist gearbeitet hat. Auf die Idee, die speziellen Solarmodule zu entwickeln, kam er vor etwa zehn Jahren, als er noch im Allgäu wohnte und dort Flächen für Photovoltaik-Anlagen suchte. Er musste feststellen, dass die dafür geeigneten Dächer alle schon belegt waren. »Wir könnten auch die Straße nutzen, die liegt doch in der Sonne«, dachte er sich und begann zu forschen und mit Solartechnik zu tüfteln.

»Für das Ziel 100 Prozent erneuerbare Energien reichen mit Photovoltaik versehene Dachflächen einfach nicht aus«, so erklärt er. »Man muss auch die vorhandenen Asphaltflächen dafür nutzen. Mit den Solarmodulen für Wege und Straßen können vorhandene Flächen doppelt genutzt werden – als Verkehrsweg und für die Stromerzeugung. Dadurch lässt sich der Flächenverbrauch für erneuerbare Energien in der Natur stark verringern.« Und Müller-Judex hat noch einige Weiterentwicklungen im Sinn: »In Deutschland alleine eignen sich 1400 Quadratkilometer horizontale Flächen für Solarstraßen, die 20.000.000 Autos mit Strom versorgen könnten. Mit kombinierbarer, induktiver Ladetechnik lassen sich perspektivisch die E-Autos auch während der Fahrt mit Strom versorgen. In den Solarteppich eingebaute Sensoren könnten zudem bei größeren Straßen auch Verkehrsströme messen und so dabei helfen, Ampelschaltungen zu optimieren oder vor Eisglätte zu warnen.«

Ein Anfang ist nun gemacht, es ist der entscheidende Schritt in die Praxis: Die ersten Module sind in Erftstadt verlegt und damit ein erstes Stück eines Solar-Radwegs eröffnet. »Die Teststrecke umfasst eine Fläche von 200 Quadratmetern. Wir erwarten, dass auf dieser bis zu 16.000 Kilowattstunden Strom pro Jahr produziert werden. Das entspricht etwa dem Jahresverbrauch von vier Haushalten«, sagt Müller-Judex, und er erläutert die spezielle Beschaffenheit der Solarmodule für den Radweg noch genauer. Die quadratischen Module von jeweils rund 1,4 Quadratmetern bestehen aus einem Gitternetz von vielen flexibel verbundenen Fliesen, in denen jeweils eine Solarzelle zwischen zwei Glasscheiben eingebettet ist. Die Glasoberfläche lenkt Licht in optimierter Weise auf die Solarzellen im Inneren. Die Einbettung zwischen den Glasscheiben schützt die Solarzellen vor mechanischer Belastung und Witterung. Die Fliesenmatte passt sich dem Untergrund an und kann somit mechanischer Belastung nachgeben, ohne zu zerbrechen. Die quadratischen Module werden zusammengesteckt und mit Spezialkleber auf vorhandene Asphaltflächen von Fahrradwegen oder Straßen geklebt. Ein spezielles Rillenprofil sorgt bei dem ausgeklügelten Belag für eine wasserableitende Struktur. Eine gewisse Neigung der Rillen lässt Wasser und Schmutz besonders gut abfließen. Bei alldem prognostiziert das Unternehmen eine Nutzungsdauer des Belags von mindestens 20 Jahren.

Wie gut das alles bei realer Belastung und Witterung auf Dauer funktioniert, muss sich nun in alltäglicher Nutzung auf der Teststrecke in Erftstadt erweisen und soll genau beobachtet und ausgewertet werden. Die Fahrradfahrer im Stadtteil Liblar ließen sich vom regnerischen Wetter am Eröffnungstag Anfang November nicht abhalten, die Innovation in ihrem direkten Wohnumfeld sogleich in Betrieb zu nehmen. Nachdem Bundesministerin Svenja Schulze vor versammelter Presse gemeinsam mit Müller-Judex und Bürgermeister Volker Erner über die Teststrecke geradelt war und den nass geregneten Solar-Radweg als rutschfest lobte, folgten auch die Anwohner auf der Strecke. Mit dem Fahrrad über Solartechnik flitzen – das gehört in Erftstadt nun zum Alltag.

EnergieAgentur.NRW GmbH
Roßstr. 92
40476 Düsseldorf
Telefon: 0211 866420
Internet: www.energieagentur.nrw

21.01.2019


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